Wie ich zum Schreiben kam

Das Schreiben war schon immer meine große Leidenschaft …
Nein, das ist Quatsch!
Ich habe mich dazu gezwungen.
Schuld daran sind Hermann Hesse, Benjamin Lebert, mein Opa, eine Frau in einer Bar und ein Motivations-Guru namens Erich Lejeune.
Hermann Hesse und Benjamin Lebert weckten in mir auf unterschiedliche Weise die Lust am Erzählen, mein Opa hatte den Stoff, die Frau in der Bar nahm mich in die Pflicht, und Erich Lejeune gab mir die nötige Entschlossenheit inklusive Durchhaltevermögen.
Mein Stoff waren Opas Erlebnisse in der Jugend. Seit ich denken kann, erzählte er von früher, und je mehr ich mich für Geschichte im Allgemeinen interessierte, desto hellhöriger wurde ich bei seinen Fragmenten. Es waren nämlich nur Fragmente für mich. Mal erzählte er, dass sie ihn beinahe erschossen hätten, mal von einer abenteuerlichen Flucht, dann war er mal in Norwegen. Er erzählte davon, dass er als Junge bei der HJ in einem Segelflieger einen Abhang hinunter glitt, er schon mit vierzehn, also in der Lehrzeit, Autogefahren ist, und dass er einmal im Kreuzverhör stand.
All das waren für mich einzelne Geschichten von Opa, und es sollte mich einige Mühe kosten, all das zu ordnen und einen Roman daraus zu machen. Aber wie kam ich überhaupt auf die Idee mit dem Roman?
Zuerst dachte ich mir, man müsste Opas Erinnerungen unbedingt konservieren. Ihn mit der Kamera aufnehmen oder es aufschreiben. In dieser Zeit kam die Frau in der Bar ins Spiel. Sie war ein paar Jahre älter als ich, und ich weiß nicht, wie ich mit ihr ins Gespräch kam und erst recht nicht, wie ich auf das Thema kam. Jedenfalls erzählte ich ihr von meinen vagen Plänen, die spannenden Erlebnisse meines Großvaters einmal aufzuzeichnen. „Tu es“, sagte sie. „Tu es unbedingt! Ich wollte das bei meinem Opa auch machen, irgendwann einmal, und jetzt ist er tot. Mach das unbedingt, Du wirst es sonst bereuen!“
Es verging noch einige Zeit. Zeit, in der ich Hermann Hesse las, voll Bewunderung seinen Steppenwolf, Narziss und Goldmund oder Siddhartha studierte und durch diesen großen Meister begann, mich für das Geschichtenerzählen zu begeistern.
Zeit, in der ich Benjamin Lebert las. Genüsslich. So würde ich auch gerne schreiben, wenn ich ein Schriftsteller wäre, dachte ich. So wie dieser junge Kerl. Mit einfachen Worten, und doch mit tiefgründigen Gedanken, in der Ich-Form, mit Witz und zugleich ein bisschen melancholisch.
Durch einen Freund wurde ich auf das Buch Lebe ehrlich, werde reich, von dem Industriellen und Motivations-Guru Erich Lejeune aufmerksam. Der Typ gibt Motivationskurse und ist Unternehmer durch und durch. Eigentlich nicht gerade der Mensch, von dem ich gerne Bücher lesen wollte, zumal ich das „Werde reich“ im Titel eher abstoßend fand. Aber ich steckte meine Nase hinein, saugte es auf und bekam den berühmten Tritt in den Allerwertesten, der mir noch fehlte.
So beschrieb ein Rezensent bei Amazon die Botschaft von Lejeune:
„In jedem Menschen steckt ein unendliches Potential, ein riesiger Schatz an Möglichkeiten. Man muss nur seine Lebensaufgabe finden und sich für seinen Erfolg begeistern“
Bei mir hat es gewirkt, und so nahm ich mir fest vor, aus Opas Erinnerungen einen Roman zu machen.
Am 11. Februar 2005, Opas 79. Geburtstag, sagte ich zu ihm: „Und nächste Woche komme ich zu Dir – ich schreibe deine Lebensgeschichte als Roman.“
„Das glaubt doch sowieso keiner“, war seine gleichgültige Antwort.
Überzeugt schien er mir auch nach den ersten Wochen der Interviews noch nicht, aber ich wollte es durchziehen, egal was komme. Und ich wusste, dass ich mir keinen Roman werde aus dem Ärmel schütteln können, und deshalb meldete ich mich bei der Hamburger Akademie für ein Fernstudium in kreativem Schreiben an. Beharrlich arbeitete ich die Lehrhefte durch und machte die Übungen und Einsendeaufgaben, die meist aus Kurzgeschichten bestanden. Drei davon habe ich in meiner Homepage veröffentlicht. Das Fernstudium beendete ich nach zwei Jahren und war um wichtige Erkenntnisse über das Handwerk des Schreibens reicher geworden.
Gleichzeitig begann ich damit, meinen Opa zu interviewen, seine Erzählungen mit dem Diktiergerät aufzuzeichnen und den Stoff zu gliedern.
Die Handlung schrieb ich zuerst in Stichpunkten auf. Anhand dieses Leitfadens schrieb ich eine Art Vorentwurf für den Roman per Hand und erstellte daraus einen Plot, jede Begebenheit oder Szene Punkt für Punkt. Vielleicht 1000 Gliederungspunkte im Ganzen waren es, und fast zu jedem Punkt hatte ich Fragen an Opa oder musste im Internet oder mit Hilfe von Büchern nachrecherchieren.
Nach anderthalb Jahren Vorbereitung begann ich mit dem ersten richtigen Entwurf, zermarterte mir den Kopf an endlosen Abenden und Samstag- und Sonntagmorgen, bis ich den ersten Entwurf, der selbst laut Hemingway „immer scheiße“ ist, fertig hatte. Auch bei der ersten und auch bei der zweiten Überarbeitung tauchten noch Fragen an Opa auf, und ich bin froh, dass er so kooperativ und geistig fit war, mit über 80 Jahren.
Nach 3 Jahren war ich dann so weit, gab das Manuskript meinen Probelesern zur Zensur, (danke nochmals an Ernst, Julia, Michi und Miriam) und machte mich im Sommer auf die Suche nach einem Verlag. Da keiner der renommierten Verlage mich Neuling bzw. das Thema Kriegsgefangenschaft annehmen wollte, suchte ich mir mit Monsenstein & Vannerdat einen seriösen Book-On-Demand-Verlag und ließ von diesem mein Buch verlegen.
Es trägt den Titel „Der Himmel und die Luft zum Atmen“, und kann seit Mai 2009 direkt beim Verlag oder bei Amazon bestellt werden.