Schwarze Weihnacht

von Stefan Frieser

Im letzten Jahr, am Morgen des vierundzwanzigsten Dezember war es, als am Grab rechts neben dem des Ludwig Wiesinger ein neuer Grabstein aufgestellt wurde. Seit drei Wochen lagen täglich frische Blumen darauf, die das Braun der Erde vollständig zudeckten. Blaue Veilchen, rosa Christrosen, weiße Schneeglöckchen, rote Weihnachtssterne und allerlei Grünpflanzen wechselten jeden Tag ihre Anzahl und Ordnung. Das war der Witwe des Ludwig Wiesinger aufgefallen, dieses frische Grab, noch ohne Stein, aber bunt wie ein Regenbogen. Und jetzt war der Heilige Abend gekommen, und Ilse stand von ihrem purpurroten Sofa auf und nahm die übervolle Glasschüssel vom Wohnzimmertisch.
„Ich will euch nicht mehr sehen“, raunzte sie den unschuldigen Weihnachtsplätzchen zu, ging in die Küche und schickte sie in die dunkle Verbannung des blumenverzierten Blecheimers. Gleich würde es dämmern. Früher war das die Zeit, in der die ganze Familie Würstchen mit Kartoffelsalat aß, während das Christkind im Wohnzimmer „einlegte“. Heute wusste Ilse nichts anderes, als den Fernseher einzuschalten, denn da gab es immerhin Menschen, auch wenn diese sie nicht sehen konnten mit ihrem grünen Faltenrock und der eleganten Trachtenstrickjacke. Ja, rausgeputzt hatte sich Ilse, damit sie am Heiligen Abend festlich aussah. Im Fernsehen lief nur amerikanischer Brei, und Ilses Blick wanderte nach rechts über die gelben Blüten der alten Tapete und weiter zu der dunklen Holzvitrine mit den gläsernen Fenstern. Neben den albernen Porzellanfigürchen lehnten drei Fotoalben an der Wand. Sie waren die Vergangenheit. Wie ein Stilleben durch seine Ruhe jedes lebendige Wesen verspottet, so verspotteten diese Alben Ilses lächerliche Gegenwart.
„Nur noch Erinnerungen“, jammerte die Einundsiebzigjährige. Ludwig war seit fünf Jahren tot, und ihr Sohn lebte seit neun Jahren in Brasilien. Er hatte eine Brasilianerin geheiratet, und dieses Weihnachten hatte auch er sie vergessen, so wie die ganze Welt sie vergessen hatte. Nicht einmal ein Päckchen hatte er ihr in diesem Jahr geschickt, das einzige Geschenk, das Ilse noch erwarten konnte. Die Alben in der Vitrine rührte sie nicht an. Bilder waren ihr heute zu wenig, man kann sie nicht wirklich fassen, diese zweidimensionalen Zeugen der Vergangenheit. Ilse war jetzt reduziert auf sich alleine, auf die Einzelperson in einem Acht-Parteien-Wohnhaus. Doch das war es nicht ganz. Ilse hatte sich, und sie hatte das Grab ihres Ludwig. Das war ihr Ego: Sie selbst und das Grab. Aus diesem Gefühl heraus zog sie sich um sechs Uhr den grünen Wollmantel an und spazierte den kurzen Weg durch die windstille Luft zum Münchner Ostfriedhof. Langsam trottete sie die Straße entlang, besonnen, wie es ein Heiliger Abend verlangte, bis sie an dem hochragenden schwarzen Eisentor des großen Ostfriedhofes angelangt war. Auch wenn es heuer keinen Schnee gab: An diesem Ort der Stille war es weihnachtlicher als in der kitschig dekorierten Wohnung, wie schön der Kinderchor im Fernsehen auch singen mochte. An jeder Steinfigur blieb Ilse stehen. Hinter einer Hecke sah sie den Oberkörper einer Putte, ein kleines Engelchen, das andächtig die Augen nach oben richtete. Vor dem Krematorium begegnete sie einem mächtigen Erzengel, der ihr die rechte Hand zum Gruß reckte. Von seinem Sockel aus sah er auf die Seelen herab, die Lebenden und die Toten. Ludwigs Grab war fünfzig Meter links des breiten Weges, und hier war sie ganz alleine. Gleich fiel ihr der schwarze Stein am Nebengrab auf. Seit drei Wochen war es wieder vergeben, und die Witwe hatte sich gefragt, wer diese Ruhestätte mit solch einer Blumenpracht überschüttete. Sie fand das übertrieben, fast schon pietätlos.
„Mary Okala“. Nur diese beiden Worte waren golden in den Stein graviert. Als Ilse gerade im Geiste die letzten Takte von „Es ist ein Ros´ entsprungen“ für ihren Ludwig sang, näherte sich ein großgewachsener Mann mit einem Blumenstrauß.
Mein Gott, ein Neger, dachte sich die Münchnerin, am End noch aus Brasilien. Einfach nicht hinschaun.
Wenn er sie nur in Ruhe ließe, damit sie unbeschadet nach Hause gehen könnte! Verkrampft starrte sie auf den grauen Grabstein ihres Mannes. Vorbei war es mit dem Frieden.
„Schauen sie, orange Rosen für meine Frau“, sprach eine tiefe Stimme zu ihr, während die Gestalt einen passenden Platz für den neuen Strauß suchte.
„Ja, schön“ antwortete Ilse anständig.
„Sie haben ihr Grab auch schön geschmückt. Gelb und Lila - schöne Farben.“
„Danke, ihres ist auch schön bunt.“
Hauptsache freundlich bleiben, dachte Ilse, man weiß ja nicht, wozu so ein Neger fähig ist.
Seine Zähne blitzten in die Dunkelheit.
„Gerry Okala ist mein Name.“
Er streckte ihr seine schwarze Hand entgegen. Oh nein!
„Ilse Wiesinger“, sagte sie, und war erleichtert über die Sanftheit seines Händedrucks.
„Ich bin fröhlich, wenn ich zu meiner Frau gehe, dann ist meine Frau auch fröhlich. Vor vier Wochen ist sie gestorben. Sie hat viel gelacht“
„Wie alt war ihre Frau, wenn man fragen darf?“
„Erst neunundzwanzig Jahre“, sagte Gerry. „Schauen sie“. Er zog ein Portemonnaie aus seiner Daunenjacke und klappte es auf.
„Das ist sie. Meine Mary.“
Er legte das Portemonnaie auf die Grabumfassung, hielt das Bild in seiner Hand, ohne es aus den Augen zu lassen, und spritzte etwas Weihwasser auf Marys Grab.
„Ich wünsche ihnen fröhliche Weihnachten. Mein Sohn wartet auf mich“, sagte Gerry und verschwand.
Eigentlich schön, dachte sie, als sie das bunte Blumenmeer auf dem neuen Grab näher besah. Doch was lag da auf der Einfassung? Ilse beugte sich nach unten, und tatsächlich: Der Rosenkavalier hatte sein Portemonnaie liegen lassen! Sie steckte es in ihre Manteltasche und machte sich auf den Heimweg. Die Geldbörse eines fremden schwarzen Mannes. Das war also ihre Bescherung in diesem Jahr. In ihrer Wohnung setzte Ilse sich auf das purpurrote Samtsofa und stöberte in der Geldbörse. Hundertfünfzig Euro waren darin und ein Ausweis: Gerry Okala, Staatsbürgerschaft: nigerianisch, Wohnort: München, Maria-Hilf-Straße 25.
Die Maria-Hilf-Straße ... das ist ja gleich ums Eck! Ich muss es ihm gleich bringen, sonst ist ihm der Heilige Abend verdorben, beschloss Ilse.
Es war halb acht, als Ilse zum zweiten Mal an diesem Abend das Haus verließ. Ganz normale Wohnungstür, stellte sie fest, als sie bei „Okala“ läutete. Die strahlend weißen Zähne, die sie aus dem Friedhof kannte, leuchteten der Münchnerin entgegen.
„Grüß Gott. Ihren Geldbeutel hams liegen lassen, am Grab“, sagte Ilse, als sie dem grinsenden Nigerianer das Portemonnaie gab.
„Sie sind ein Engel“, sagte Gerry, „ich habe es noch gar nicht bemerkt. Bitte, bitte kommen sie herein und essen sie mit uns“.
„Nein, ich muss ja gleich wieder heim“, blockte Ilse ab.
„Feiern sie mit ihren Kindern heute? Ach so ...“
„Nein, ich bin allein, aber ich wollt ihnen nur den Geldbeutel z`rück bringen“.
„Kommen sie, ich zeige ihnen, wie wir in Nigeria Weihnachten feiern.“ Gerry legte die Hand an den Rücken der Witwe und führte sie in die Wohnung. Die Luft war durchdrungen vom pikanten Duft verschiedener Gewürze, die für Ilses Nase fremd und neu waren.
„Das ist unser Living Room“ sagte Gerry, als sie das große Wohnzimmer betraten, wo ein dunkelhäutiges Paar auf ockerfarbenen Kissen saß.
„Das sind Sammy und Tracy, meine besten Freunde“.
Schüchtern reichte Ilse den Beiden die Hand. Tracy hielt einen kleinen Jungen auf dem Arm.
„Das ist Vincent. Der Sohn von Sammy und Tracy.“
„Junge Dame, nehmen sie Platz und lassen sie sich verwöhnen“ sagte Sammy, den Ilse wegen seinen nach hinten gelegten Zöpfen skeptisch betrachtete. Sie saß als einzige auf einem Stuhl, bewunderte die geschnitzte Holzgiraffe und die kunstvoll gemusterten Tücher an der Wand, die dem Zimmer viel von seiner erdbraunen Wärme gaben. Plötzlich stand ein kleiner Junge vor ihr und sah sie mit großen schwarzen Kulleraugen an.
„Robin, mein Sohn“, sagte Gerry.
„Grüß dich Robin, wie alt bist du denn“, fragte Ilse.
„Vier Jahre, und du?“
„Einundsiebzig, kannst du schon so weit zählen?“
„Klar“, sagte Robin, und kletterte auf das Schaukelpferd in der Ecke. Anschließend gab es den traditionellen Iyan, ein scharfer Gemüseeintopf mit Chili, der am Heiligen Abend in Nigeria in keiner Familie fehlen darf. Obwohl Ilse nichts Scharfes gewohnt war, aß sie einen Teller davon, rotzte und tränte wie krank und musste dabei über sich selbst lachen. Vielleicht war es auch die Heiterkeit dieser afrikanischen Gesellschaft, die sie zu den Lachanfällen trieb. Diese Fröhlichkeit hatte Ilse seit Langem vermisst, und so kam es, dass sie noch zum Wein blieb und sich am Musizieren beteiligte. Sammy spielte Gitarre, während Gerry auf Bongos trommelte. Tracy konnte wunderbar singen und Ilse gab mit dem kleinen Robin den Rhythmus mit einer Rassel vor. Am liebsten hätte die alte Frau noch die ganze Nacht mit dem Jungen Karten gespielt oder mit ihm herumgescherzt. Erst um Mitternacht kehrte sie nach Hause zurück, schlief mit einem Lächeln im Gesicht ein, und wünschte sich, genau diesen Abend zu träumen. Am nächsten Tag blieb ihr nur eine schöne Erinnerung. Wie öde die altmodische Wohnung war! Diese tristen Farben, der obligatorische Aschenbecher, der als Attrappe auf der lächerlichen Häkeldecke des Wohnzimmertisches stand. All das war ihr jetzt zuwider. Am Vormittag stand Ilse in der Küche und schnitt Gemüse, als das Telefon klingelte. So was in der Art dieses Eintopfes wollte sie machen, nur eine milde Variante.
„Wiesinger?“
„Hallo Frau Ilse. Hier ist Gerry. Mein Sohn möchte sie besuchen. Er bettelt schon den ganzen Morgen. Wenn sie es wollen ... einen Babysitter könnte ich heute Abend schon brauchen ...“
„Ja. Gerne Gerry. Gerne. Wann soll ich ihn abholen?“
„Können sie ihn bis sechs Uhr holen?“
„Gut, um sechs bin ich da. Bis dann.“
Ilse legte den Hörer auf und weinte. Zehn Minuten lang weinte sie, so groß war ihre Freude.

Das war im letzten Jahr, und in diesem Jahr ist der Heilige Abend nicht mehr weit. Ilses Wohnung ist von Plätzchenduft erfüllt, und liebevoll schlichtet sie die ofenwarmen Kokosmakronen auf die Zimtsterne, Vanillekipferln und Schokoplätzchen.
„Gut sind sie geworden“, sagt Ilse, als sie eine Kokosmakrone probiert. Heute Abend hat sie wieder einmal Besuch. Den ganzen Tag schon freut sich Ilse darauf, dass der kleine Robin in die Küche stürmt, und fragt:
„Oma, Oma, was hast du heute gebacken?“


© Stefan Frieser