Prolog

Gestern brachten sie Opa ins Krankenhaus. Er war gestürzt und seitlich auf den Beckenknochen gefallen, als er die zwei Stufen zu seinem Wohnzimmer hinuntersteigen wollte.
Ich habe es am Telefon von meiner Tante Annelies erfahren.
„Opa hatte einen Unfall, er liegt im Krankenhaus“, waren ihre ersten Worte, und dann sagte sie, außer einer starken Prellung sei ihm nichts passiert, und sie ließen ihn nur ein paar Tage zur Untersuchung hier. Doch da hatte der erste Satz bereits in mir gewirkt. Unfall. Krankenhaus. Es war einer dieser Momente, in denen man glaubt, sich wappnen zu müssen, in denen man unweigerlich an das Schlimmste denkt, in denen das Unterbewusstsein die Druckerschwärze für das Drehbuch böser Träume zusammenbraut, – Opa am Tropf, Opa tot, Abschied von Opa – und ich sah ihn zum Abschied winken, sah das Bild, das er mir jedes Mal bietet, nachdem ich ihn besucht habe.
Es ist immer das gleiche Ritual. Ich steige in mein Auto, lege den Gurt an und sehe noch einmal zu ihm hinüber, wie er in seiner hellbraunen Strickweste unter dem Vordach seines Hauses steht. Ich starte den Motor, er hebt seine Hand mit den zwei steifen Fingern und winkt, als wolle er sagen „Komm bald wieder“, oder „Schön, dass du da warst“, und ich weiß, er wird noch eine Weile so stehen bleiben. Erst wenn er meinen Wagen nicht mehr sieht, wird er mit seinen zwei künstlichen Hüftgelenken zurück in sein Haus wackeln. In diesem Haus erlebte ich meine schönsten Kindertage.

Es steht in der nach dem Eisenwerk benannten Kleinstadt Maxhütte, und hier verbrachte ich zusammen mit meiner Kusine den größten Teil meiner Ferien. Wir waren Einzelkinder, die in Mietwohnungen aufwuchsen, und hier gab es einen Garten, in dem es morgens nach Gras und trocknender Wäsche roch und abends nach der Pizzeria des italienischen Nachbarn. Und es gab einen Opa und eine Oma. Viel mehr brauchten wir nicht. Eine alte Blechbadewanne war im Sommer unser Schwimmbad, im Winter bauten wir Schneemänner, und wenn Oma uns zum Mittagessen hereinrief, duftete die Küche nach Butterschmalz.
Opa bastelte Hampelmänner aus Pappe und bemalte sie mit uns, an den Sonntagen unternahmen wir Ausflüge in Freizeitparks, und oft kamen Onkeln und Tanten zu Besuch, die vom Kaffee bis zum letzten Schnaps um Mitternacht blieben. Wir schliefen im Wohnzimmer auf zusammengestellten Sofateilen, hörten sie aus der Küche durcheinander reden und laut lachen, und neben uns auf dem Boden schlief der Hund, ein Pekinese in Form eines grauweißen Wollknäuels. Wenn Opa nachmittags mit seinem Motorrad von der Arbeit in der Tongrube nach Hause kam, war der Hund nicht mehr zu bremsen. Er schoss in die Garage und bellte und jaulte, bis ihm Opa seinen verschwitzten Arbeitshandschuh gab und er ihn mit wedelndem Schwanz in den Kellerabgang tragen durfte. Dann gab es für Opa das Essen, und ich durfte mich mit aus seinem Teller bedienen. Wenn ich an die Kartoffelsuppen, Reiberdatschen, Pfannkuchen mit Preiselbeeren oder Schinkennudeln zurückdenke, sehe ich Oma vor mir, wie sie am Herd steht mit ihrer großen Oberweite und der geblümten Kochschürze, immer das sagend, was sie gerade denkt. Der Pekinese war schon mal der „Hundskrüppel“, und was das Sterben betraf, vertrat sie die schlichte Meinung: „Wenn i hi bin, bin i hi.“ Mit Heimarbeit besserte sie die Haushaltskasse auf und nähte im Keller Faschingskostüme. Oft saß sie bis in die Nacht hinein an der Nähmaschine und versuchte, die Vorgaben einzuhalten, und wenn es eng wurde, setzte Opa sich dazu und half ihr beim Schneiden und Sortieren. Ob es die Näharbeiten waren oder der Sonntagsbraten: Sie halfen zusammen wie eine rechte und linke Hand, und nie hatte ich erlebt, dass sie eine Verstimmung nach einer Zankerei – und solche gab es nicht weniger als anderswo – mit in den Schlaf oder gar in den nächsten Tag genommen hätten.

Mit achtzehn zog ich bei ihnen ein. Ich bekam ein Zimmer im oberen Stockwerk, und an den Abenden saß ich oft mit Oma und Opa in der Küche. Nicht immer herrschte Harmonie zwischen uns. Ich könnte mein damaliges Alter als Grund anführen, wie man es gerne tut, wenn man sein Verhalten, das man später missbilligt, erklären will. Darüber hinaus könnte ich Opas Vorliebe für das Schnapstrinken die Schuld geben – jedenfalls gerieten wir mit der Zeit in eine Art Generationenkonflikt, und die Scharniere der selbst gebastelten Hampelmänner aus meiner Kinderzeit begannen aneinander zu reiben. Wir lernten uns auf einer neuen Ebene kennen, bauten Vorurteile gegeneinander auf, stritten uns. Ein Streit ist mir in genauer Erinnerung geblieben. Wir saßen am Abend zu dritt in der Küche unter dem hellen, warmen Licht der Deckenlampe, auf dem Tisch eine Flasche Escorial grün, und vor Opa ein Glas mit dem hochprozentigen Zeug. Ich erzählte etwas aus einem amerikanischen Film, und Opa antwortete „Ach, dieser amerikanische Mist.“
„Du hast den Film doch gar nicht gesehen. So kannst du das doch gar nicht beurteilen!“ regte ich mich auf.
„Mit ihren Filmen erzählen sie den Leuten ihren Unsinn, und die glauben es.“
„Was hast du gegen die Amerikaner? Wenn die Amerikaner nicht gewesen wären, ginge es uns nicht so gut, das weiß doch jeder. Sie haben uns von den Nazis befreit!“
„Befreit?! Mich haben sie nicht befreit! An die Franzosen haben sie uns verkauft, und die haben uns genug angetan. Aber jetzt gilt ja nur noch das, was sie im Fernsehen bringen.“
„Mir reichen die Bilder vom Holocaust. Lässt dich so was kalt?“
„Ich habe das Meinige mitgemacht! Da zeigen sie keine Bilder.“
Ich glaubte, nicht richtig zu hören. Mein Großvater schien so etwas Grauenhaftes wie den Judenmord einfach zu ignorieren. Es ging mir nicht in den Schädel.
„Die Deutschen haben eine Schuld. Du wirst doch nicht bestreiten wollen, dass wir Deutsche Schuld auf uns geladen haben!“
„Ach, was weißt du schon mit deinen achtzehn Jahren! Das, was sie euch in der Schule erzählen, das weißt du und glaubst es und hältst dich für so gescheit, aber wissen tust du nichts. Rein gar nichts!“
„Hört auf!“, zischte Oma dazwischen.
„Wir leben in einer freien Welt, und uns erzählen sie die Wahrheit im Geschichtsunterricht.“
„Nur einen Teil von der Wahrheit sagen sie euch, Junge. Nur einen Teil. Mach du mal mit, was ich mitgemacht habe!“
„Aber du lebst! Umgebracht haben sie dich nicht. Siehst du?“
Wenn ich so etwas sagte, schüttelte er nur noch seinen rot gewordenen Kopf.
„Ihr seid ja … ihr … so gescheit seid ihr!“, sagte er und trank den nächsten Schnaps.
Wenn Oma mich alleine erwischte, nahm sie mich beiseite. „Sei still. Sag einfach nichts mehr. Er hat schon zu viel getrunken, da kann man nicht mehr mit ihm reden.“
Aber oft ging es weiter. Eskalierte. Einmal schlug ich vor Wut die Küchentür zu und ließ mich für zwei Tage nicht mehr unten blicken. So etwas hatte ich mir bis dahin nicht vorstellen können. Nicht in diesem Haus. Ich war ein junger Hitzkopf und er ein alter Sturschädel.

Meine Oma starb, als ich einundzwanzig war. Es begann mit einer starken Grippe mitten im Juni. Eine Woche lag sie zu Hause im Bett, schwach und elendig, und es wurde nicht besser. Als ich eines Abends heim kam, war sie weg, und Opa sagte, sie läge im Krankenhaus zur Untersuchung. Dort stellte man fest, dass die Grippe ein Herzinfarkt gewesen war, und dann begann das Drama. Im Krankenhaus erlitt sie einen zweiten Herzinfarkt. Wir zitterten drei Tage um ihr Leben, und als sie über dem Berg zu sein schien, entließ man sie aus der Intensivstation. Ein Mal konnte ich sie noch besuchen. Sie machte schon wieder Witze, bot mir einen Schluck Kaffee aus ihrer benutzten Schnabeltasse an, und zwei Stunden nachdem ich mich verabschiedet hatte, machte ein dritter Infarkt ihrem Leben ein Ende.
Wenn i hi bin, bin i hi. Doch so locker steckte Opa das nicht weg. Jede Tätigkeit schien ihm zuwider, nichts konnte sein Interesse wecken, nichts konnte ihn aufheitern. Es kam mir vor, als wolle er nur noch seine Ruhe vor den Menschen haben. Ich suchte mir ein halbes Jahr nach Omas Tod eine Wohnung und zog aus. Gelegentlich besuchte ich ihn. Wenn ich in seine Augen blickte, fand ich kein Leben mehr. Sein Herz schien nur noch zu schlagen, weil es nicht anders konnte, ein tauber Muskel, der das Blut auf Leerfahrt durch den Körper schickt.
„Du glaubst nicht, was ich alles erlebt habe“, sagte er einmal zu mir, „aber der Tod von deiner Großmutter war das Schlimmste.“
Aus Gelassenheit wurde Gleichgültigkeit. Er las jeden Morgen die Zeitung, aus Gewohnheit, aber die Buchstaben auf dem Papier gingen ihn nichts mehr an. Er aß am Mittag ein paar Bissen und trank am Abend zu viel Schnaps.

Seit dreizehn Jahren ist Oma nun tot, und Opa ist zurück im Leben. Die Zeit hat aus seinen Wunden Narben gemacht. Er trinkt nur noch Spezi, fährt viel mit seinem Auto durch die Landschaft und geht auf Beerdigungen. Wenn er unter seinem Vordach steht und winkt und ich den Wagen starte, denke ich, jeder Besuch könnte der letzte gewesen sein. Er ist bald achtzig, und ich möchte nichts versäumt haben, wenn es einmal vorbei ist mit ihm. Vielleicht stelle ich ihm deshalb so viele Fragen über die die alte Zeit, wenn wir zusammen in der Küche sitzen. Ich lasse ihn erzählen und höre zu, halte mich mit meinem theoretischen Geschichtswissen zurück und respektiere seine Ansichten. Er hat Dinge erlebt, über die ich keine Bücher gelesen habe. Ich will sie aufschreiben, bevor es zu spät ist.

Meine Idee reift zum Entschluss, und eines Abends stehe ich an seiner Haustür und sage ihm, was ich vorhabe.
„Ich will deine Geschichte aufschreiben, Opa.“
Für mich ist es wie ein feierliches Gelöbnis, aber er macht nur die Tür hinter mir zu und trottet voraus ins Wohnzimmer.
„Ich schreibe ein Buch über dein Leben“, sage ich. „Ich meine es ernst.“
„Das glaubt doch sowieso keiner.“
„Erzählst du es mir trotzdem? Du musst einfach nur erzählen.“
„Was willst du denn wissen?“
„Fangen wir von vorne an. Was war dein erstes einschneidendes Erlebnis?“
Und Opa beginnt zu erzählen.

„Damals war ich sechs. Ein ganzes Leben ist seitdem vergangen, und doch erinnere ich mich gut an diese Nacht. Es war die Nacht vor dem Morgen, an dem ich den Glauben an Gott verlor…“

Und Opa erzählt, und erzählt sich in einen Fluss, und ich sehe den kleinen Jungen vor mir. Er erscheint mir, als ich wieder alleine bin, erzählt mir alles noch einmal mit seinen Knabenworten, wiegt mich in den Schlaf mit seiner Geschichte, und bei jedem neuen Besuch bei Opa wird er größer, wird zum Lehrling, zum Soldaten, zum Gefangenen. Doch am Anfang steht der kleine Junge. An ihn will ich von jetzt an das Wort übergeben und ihm zusehen beim Erwachsenwerden.