Leseprobe

Aus Kapitel 15. Bretzenheim

»Such du dir ein Loch aus«, sage ich zu Kammerl. »Mir ist es gleich.«
Das eine Loch ist schön groß und rund wie ein Teller und genauso
flach. Man kann alle viere von sich strecken, hat aber kaum Schutz vor
dem Wind. Dieses Problem besteht in dem anderen Loch nicht. Im
Stehen reicht es einem bis zum Knie und ist zu einem makellosen
Rechteck ausgehoben, dafür ist kaum Platz, um die Beine anzuwinkeln,
wenn man auf der Seite schläft. Außerdem ist es mir unheimlich.
»Ist es dir wirklich gleich, Gottfried?«
»Ja. Das eine ist ein Sarg, und das andere ist ein Witz.«
»Wirklich, wirklich?«
»Wenn ich es dir sage.«
»Weil …« Kammerl grinst und schüttelt den Kopf. »In einen Sarg will
ich nicht.« Und noch lauter und lachend: »Nein, nein, in einen Sarg
will ich wirklich nicht!«
In meiner ersten Nacht im Sarg wechsle ich zwischen krumm liegen und
zusammengekauert sitzen. Schwer kann ich mich an den würzigen Erdgeruch
gewöhnen. Er macht hungrig. Nachts schleudern die Scheinwerfer
von den Wachtürmen ihre Lichtkegel über die Schlafenden. Ständig
suchen sie irgendwo. Nach was nur? Über mir schlurfen Männer vorbei.
Das Tackern von Maschinengewehren schreckt mich aus dem Schlaf –
drei, vier, fünf Mal in dieser Nacht. Träumende stoßen Schreie aus.
»Nein! Hilfe! Ich bin nicht tot! Hilfe!«, schreit Kammerl aus seiner
Erdschüssel.
Bei Sonnenaufgang krieche ich aus dem Sarg. Mein erster Gedanke ist
Durst. Mein zweiter gilt dem Schmerz in meinen Rippen, und jede
Bewegung kostet Überwindung. Vorsichtig hebe ich mein Hemd. Die
ganze rechte Seite ist ein einziger Bluterguss in blau und gelb, und
keine Mutter ist da, die mich mit Franzbranntwein einreibt und ins
Bett schickt. Ich setze mich auf die Kante und beobachte den schlafenden
Kammerl. Wie er da liegt, den Kopf zur Seite gedreht und die Beine
krampfhaft gegen den Erdboden gebohrt … Noch nie habe ich
Kammerl so verkrampft gesehen. Unnatürlich sieht er aus und irgendwie
verzweifelt. Dir haben sie auch alles genommen, denke ich so vor
mich hin. Was haben wir Maxhütter Buben getan? Gegen welches Gesetz
haben wir verstoßen? Zwei Mal in der Woche sind wir zur Hitlerjugend
gegangen, weil wir mussten, zum RAD hat man uns eingezogen,
und den Krieg haben sich auch andere ausgedacht. Auf einmal gelten
neue Gesetze, und wir werden für die Einhaltung der alten bestraft.
»Ach«, murmle ich und blicke nach oben. Ein paar zerrissene Wolken
verlieren sich in einem dunkelblauen Himmel. Ich frage mich, wie weit
man in den Himmel hineinschauen kann, und ob man irgendwann
etwas anderes sehen würde, wenn man unendlich gute Augen hätte. Und
ich glaube, es ist ihm egal, von wo aus man ihn betrachtet. Ob von der
Heimat, von einem Schiff auf hoher See oder von hier, diesem Acker der
Unterernährten, Unglücklichen, Todkranken und Verletzten. Er bleibt
immer gleich, und vielleicht suchen die Menschen so eine feste Größe,
eine Sicherheit, und darum haben sie Gott in den Himmel verpflanzt.
Ich atme tief ein und blicke nach oben. Das sind die Dinge, die mir
geblieben sind: Der Himmel und die Luft zum Atmen.