Leseprobe

5. Regensburg II
Juli 1941
Barfuss, in kurzen Hosen und Unterhemden, sitzen Fritz und ich
neben dem Domportal. Auf dem zwei Meter hohen Sockel lehnen wir
mit dem Rücken an der Säule, haben die nackten Beine ausgestreckt
und beobachten die vorbeilaufenden Menschen unter unseren Füßen.
Ein Handwerker im Blaumann trottet den Bürgersteig entlang, eine
alte Frau zieht einen polternden Bollerwagen über das Kopfsteinpflaster,
Radler überqueren den Platz, Motorräder brausen vorbei, und
zweimal hält die Straßenbahn. Direkt unter uns flanieren drei Bürofrauen
in Blusen und Faltenröcken mit Handtaschen in Richtung Altstadt
und sehen kurz zu uns hoch. Gut möglich, dass sie uns für Brüder
halten. Wir sind gleich groß, haben beide schwarze Locken und sind
schlank, aber nicht schmächtig. Auch sonst sind wir wie Brüder.
Fritz fängt an zu reden. »Eigentlich geht es uns nicht schlecht, so als
Lehrlinge, was, Gottfried?«
»Könnte schlechter sein.«
»Weißt du, früher habe ich immer meinen Bruder beneidet, aber bald
ist das schöne Leben für ihn vorbei. Schluss mit L’amour und roten
Strapsen. Nach Russland muss er. An die Ostfront. Aber wenn er
Glück hat, ist er im August wieder zu Hause.«
»Wer sagt das?«
»Hörst du kein Radio? Die ganzen Sondermeldungen von den eroberten
Städten. Minsk, Balistock, Grodno oder wie das alles heißt. Was die Wehrmacht
anfasst, wird zum Blitzkrieg. Zack, rumms und Deckel drauf.«
»Unser Untermieter, der Rinner, sagt, wenn die Wehrmacht nicht bald
weiter kommt und die Russen sich zurückziehen, dann wird es eng, weil
wir dann nicht ans Getreide und ans Öl kommen. Er sagt, Getreide und
Öl, das sind die wichtigsten Dinge im Krieg. Das Getreide für die Soldaten
und das Öl für die Maschinen. Und der Rinner muss es wissen, der
war Offizier im Weltkrieg.«
»So?«
Eine Papiertüte flattert ein Stück über dem Boden durch die Luft. Der
Abendwind bringt Kühle, aber unsere steinige Unterlage hat die Hitze
des Tages gespeichert.
»Mensch Fritz, das hab ich dir noch gar nicht erzählt! Was glaubst du,
wie der Rinner dem Grimm eingeheizt hat!«
»Du meinst den Gesellen, der dich immer abwatscht?«
»Abgewatscht hat! Jetzt schaut er mich kaum noch an, und wenn er
was braucht, sagt er schön brav Bitte. Als ich daheim erzählt habe, wie
er mich schikaniert, ist der Rinner gleich am nächsten Tag mit dem
Zug in die Stadt gefahren. Du hättest sehen müssen, wie er in unsere
Wurstkuchl geplatzt ist! ›So, Gottfried, wer ist jetzt der Grimm?‹, hat
er mich gefragt, und dann hat er ihn am Kragen gepackt und ihm
gedroht. ›Rühr den Buben noch ein Mal an, Freund, noch ein Mal,
dann dreh ich dich durch den Fleischwolf!‹, hat er zu ihm gesagt.«
»Und der Grimm hat sich nicht gewehrt?«
»Ach wo! Gegen den Rinner ist doch der Grimm ein Hampelmann.
Erst hat er es abgestritten, aber als er gemerkt hat, er kommt nicht
durch, hat er geschworen, dass nichts mehr vorkommt. Und bis jetzt
ist nichts mehr vorgekommen.«
»Da kannst du froh sein, dass ihr so einen Untermieter habt. Aber was
er über Russland sagt, gefällt mir gar nicht«, sagt Fritz und beobachtet
nachdenklich die Tauben auf der Straße. Sie stelzen über das Kopfsteinpflaster,
dann flattern sie wieder ein paar Meter weiter. Immer auf
der Suche nach Nahrung.