Leseprobe

1. Vater
Juni 1932
Es ist mitten in der Nacht, und ich wache auf, weil jemand an die
Haustür klopft. Ich höre, wie Mutter im Schlafzimmer den Kleiderschrank
aufsperrt. Es ist gleich nebenan, und es kann nur Mutter sein,
denn Vater ist nicht da. Sie macht kein Licht und huscht mit einem
lauten Gähnen durch unser Kinderzimmer. Der Holzboden knarrt. Ich
bin jetzt ganz wach und sitze im Bett, mein Bruder Albert neben mir
atmet tief und gleichmäßig, und obwohl es so dunkel ist, kann ich
sehen, wie sich Rudi unruhig zur Seite wälzt. Albert ist schon acht Jahre
alt, Rudi sieben und ich erst sechs, und weil wir die drei Kleinsten sind,
müssen wir uns ein Doppelbett teilen. An der Wand zum Schlafzimmer
stehen die Betten von den beiden Großen. Bina und Hans. Hans ist
schon vierzehn, heißt genau wie mein Vater und schnarcht auch wie
er, und Bina schläft ganz ruhig und hat zwei lange Zöpfe. Ich mag ihre
Zöpfe, und auch der Scheitel von Hans gefällt mir, aber niemals möchte
ich so aussehen wie Rudi und Albert mit ihren Glatzen, und darum
laufe ich lieber mit einem wuscheligen Lockenkopf herum.
Draußen redet Mutter mit einem Mann. Er klingt wie einer, der etwas
angestellt hat, und Mutters Stimme ist heller und aufgeregter als sonst.
Ich muss unbedingt wissen, was vor sich geht, klettere aus dem Bett,
schleiche durch die Küche und stelle mich in die Tür zum Hausgang.
Der Mann trägt einen schmutzigen Arbeitsanzug und seine schwarze
Mütze wandert von einer Hand zur anderen wie ein heißes Stück Kohle.
Mutter starrt an dem Mann vorbei. Hinaus in die Dunkelheit. Sie weint.
»Schuld war die Ventilatorenanlage, Frau Frank … die ist ausgefallen.«
Mein Mund steht offen. Ich höre nur mein Schnaufen und den Mann.
»Die Sanitäter verbinden ihn unten im Werk.«
Er meint Vater. Vater hat Nachtschicht. Was ist mit ihm? Ich muss es
wissen, ihn sehen. Jetzt.