Epilog

Noch leben die Menschen, die den Krieg mitgemacht haben. Sie tragen ihre Erfahrungen im Herzen, und man kann nur erahnen, was der Einzelne gesehen hat und ertragen musste. Alt sind sie heute, und morgen sind sie tot, und bald sind wir die Alten. Auch wir werden die Zeit unserer Jugend im Herzen tragen und nicht glauben können, dass das alles schon so lange zurückliegt, und unsere Enkel werden nicht verstehen, wie nah das alles ist, wie schnell die Jahre für uns zerflossen sind und wie sehr die Jugend unser Leben geprägt hat.

„Das glaubt sowieso keiner“, war Opas Reaktion, als ich im Februar 2005 mit der fixen Idee vor ihm stand, einen Roman über seine Lebensgeschichte zu schreiben. Wahrscheinlich glaubten ihm viele wirklich nicht. Über die Tragödie um die deutschen Kriegsgefangenenlager, den so genannten Rheinwiesenlagern, wie Bretzenheim eines war, drang bis in die achtziger Jahre hinein kaum etwas aus den Medien an die Öffentlichkeit. Die alliierten Siegermächte verbargen die Wahrheit in ihren Archiven, und niemand konnte in der Zeitung lesen, dass Hunderttausende mitten in Deutschland auf Feldern ausgehungert oder erschossen wurden. Bis heute können die Enkel nicht an das Ausmaß glauben, das dahinter steckt, wenn der Opa über Sinzig, über Remagen oder Bretzenheim erzählt, falls er überhaupt darüber spricht. Im Fernsehen laufen darüber kaum Dokumentationen oder Spielfilme.

Mein Opa Gottfried Frank ist nicht der einzige Zeuge. Es gibt Tatsachenberichte und Recherchen über die Verbrechen. Der Kanadier James Baque nimmt sich seit den achtziger Jahren des Themas an und veröffentlichte Bücher wie Der geplante Tod. Wer will, kann heute Berichte und Indizien für dieses Unrecht finden, das unter Missachtung der Genfer Konventionen passierte, und wer sucht, der findet etwas über die Rheinwiesenlager im Internet. Nur die Geschichtsbücher wollen von all dem nichts wissen.

„Das glaubt sowieso keiner“, sagte Opa, aber ich weiß, dass er nicht lügt. Ich weiß es so sicher, wie der Himmel über uns steht und so sicher, wie wir die Luft zum Atmen brauchen.