Der Rauswurf

von Stefan Frieser

Als Anke Moggert an diesem Vormittag nach ihrem Mann sah, fand sie ihn am Computer sitzend. Sie blickte auf seinen hellbraunen Hinterkopf und bemerkte, dass sein dicker Haarschopf aussah wie eine ausgeblichene Pelzmütze. Wieso kam er nicht von selbst auf die Idee, sich die Haare schneiden zu lassen? Warum war sie überhaupt noch mit diesem Mann zusammen? Im Zeitraum von einem Jahr war er zu einem Rotwein und Cognac saufenden Nervenbündel geworden, das sich in den Außendienst quälte und selbst bemitleidete. Er arbeitete bei einer Versicherung, und er hatte in dieser Woche Urlaub.
Er drehte den Kopf zur Seite und ließ seine Hand aus der Chipstüte zu der halb gerauchten Zigarette im Aschenbecher wandern, und sie konnte zwei kleine eitrige Pickel auf seiner rosaroten Wange erkennen.
„Karl-Heinz?“
Er drehte sich um.
„Bitte geh. Ich kann dich nicht mehr sehen.“
Stumm sah er zu ihr auf, und nur sein leicht geöffneter, dünnlippiger Mund drückte so etwas wie Protest aus.
„Geh!“ schrie Anke, und trieb ihn mit wedelnder Hand in Richtung Ausgang.
„Hau schon ab!“
Der Plötzlichkeit des Vorfalls nicht gewachsen, tapste Karl-Heinz ohne klaren Gedanken aus dem Haus. Die Sonne stand bald senkrecht am Himmel, das Thermometer näherte sich der dreißig Grad, und der entstehende Schweiß auf seiner Haut vermischte sich mit jenem eingetrockneten in seinem Hemd, das er seit letztem Freitag trug. Der riesige Rotweinfleck dicht über dem Bund seiner Jogginghose war ihm gar nicht aufgefallen. Er überlegte, warum Anke ihn rausgeworfen hatte: War es wegen der Trinkerei? Vielleicht war ihr seine Nervosität zu viel geworden. Das lag nur an diesem demütigenden Außendienst. Im Innendienst wäre er glücklich.
So dachte er nach, und als er zehn Minuten ohne genaues Ziel in die Stadt marschiert war, fand sich Karl-Heinz im klimatisierten Kaufhaus des neuen Einkaufszentrums wieder. Er wusste um sein lausiges Äußeres und hoffte, dass ihn kein Kunde sah, denn vor Kunden fürchtete sich Karl-Heinz jeden Tag mehr. Letzten Freitag hatte er einen jungen Mann besucht, der ihn als Betrüger beschimpfte, da ihm die Versicherung trotz Hausratsschutz den kaputten Fernseher nicht erstatten wollte.
„So dürfen Sie das nicht sehen“, hatte Karl-Heinz angefangen, „nur Schäden, die verursacht wurden durch … nein warten Sie …“
Der Blick des jungen Mannes durchbohrte ihn. Unter dem Hemd fing es an zu jucken, und er spürte die Hitze seines roten Kopfes. „Moment.“ Er blätterte unkoordiniert in seinem Aktenordner herum. Der Stress hatte sein Gehirn lahm gelegt; nur blättern konnte er noch. Am liebsten wäre er davon gelaufen, doch er stammelte wirr weiter und spürte, wie unmöglich er sich machte.
Später hatte er seine Nerven wie jeden Abend mit Cognac balsamiert. Entspannen gelang ihm nur noch im Suff.
„Herr Moggert“, hörte er in dem Einkaufszentrum eine selbstbewusste Stimme sagen, und er unterdrückte den Schrecken, den Schock, als er Doktor Brandt vor sich sah. Doktor Brandt war Richter und Karl-Heinzens bester Kunde.
„Guten Tag Herr Doktor Brandt“, sagte Karl-Heinz und reichte ihm die glitschige Hand.
„Na, heute einkaufen?“, fragte ihn der Richter. Karl-Heinz fühlte sich bei Doktor Brandt immer wie ein kleiner Schuljunge, heute aber war es so schlimm, dass seine Stimme ungewöhnlich hell, fast piepsig klang.
„Ja, Herr Doktor. Auch Lebensmittel. Urlaub habe ich.“
Richter Brandt sah in die weit aufgerissenen Augen seines Versicherungsvertreters, fragte weiter: „Wie geht es ihrer Gattin?“
„Gut. Sie macht Gartenarbeit.“ Er zog die Mundwinkel nach unten, wie immer wenn er verzweifelt nach Worten suchte.
„Grüßen sie ihre Frau ganz herzlich von mir.“
Dann drei Sekunden peinliche Stille, bis Karl-Heinz „Tschüss“ murmelte, die Hand schlaff zum Abschied hob und sich davon machte. Im Eiltempo hetzte er durch das Einkaufszentrum. Nein! Dieses Verhalten vor dem Richter! Karl-Heinz ertrug sich selbst nicht mehr, bekam Herzrasen, wollte laufen, Purzelbäume schlagen, in kaltes Wasser springen. Er müsse sofort alles wieder gut machen, dachte er und begab sich im Laufschritt in das Versicherungsgebäude.

Er wetzte durch den Parfümduft der ordentlich gekleideten Kollegen und setzte sich an einen Schreibtisch. „Entschuldigung“, schrie er durch den Raum, „ich habe einen Kunden verloren. Entschuldigung!“ Er stützte seine Stirn auf den Tisch und unterlag einem endlosen Weinkrampf.

Noch sieben Tage später lag Karl-Heinz in einem Bett der psychiatrischen Abteilung des Klinikums. Hier in seinem Einzelzimmer fühlte er sich so wohl wie lange nicht mehr, und auf die Entlassung morgen konnte er sich kaum freuen, obwohl Anke ihn wieder zu Hause aufnehmen wollte. Die schönste Nachricht aber hatte er gestern vom Betriebsrat aus der Versicherung erhalten. Zusammen mit den „besten Genesungswünschen“ von Geschäftsleitung und Belegschaft verkündete dieser ihm seine sofortige Versetzung in den Innendienst.
Karl-Heinz langte unter das Bett, zog eine Cognacflasche hervor und nahm einen kleinen Schluck.
„Das mit dem Cognac, sagte er laut zu sich selbst, „das muss ich mir noch abgewöhnen. Irgendwann.“

© Stefan Frieser