Birnenkompott

von Stefan Frieser



Einkaufen ist für mich ein Akt der Entspannung. Ich hänge mich hinter einen Einkaufswagen, grase gemächlich die Regale ab, lasse die angebotenen Waren auf mich wirken und knipse das Gehirn aus. Paul Anka säuselt sein Put your head on my shoulder aus dem Lautsprecher, mein Wagen rauscht durch die Gänge, und ich erhole mich von dem stressigen Tag im Büro. Draußen ist es längst dunkel.
Beim Obst greift ein in die Jahre gekommener Pantoffelheld nach einer Birne, und seine dicke, schweinsköpfige Frau sagt, die Birnen können wir nicht nehmen, die sind weich, und morgen sind sie verfault, und dann taugen sie höchstens noch für Kompott. Aus Trotz nehme ich mir eine aus dem Karton und schiebe weiter, bis ich mich bei den bunten Schachteln mit den Cornflakes und Müslis wieder finde. Eine Frau in meinem Alter studiert die Packungen. Vermutlich sucht sie nach dem passenden Müsli für ihren Sohn, der vom Sitz des Einkaufswagens aus an ihrem Ärmel zupft und vergeblich nach dem silbernen Armreif greift. Sie streichelt zärtlich über seine Wange, flüstert ihm beruhigend ins Ohr, und ein paar ihrer schwarzen, glatten Haarsträhnen verdecken mir die Sicht. Irgendwoher kenne ich diese Frau! Der kleine Junge grinst jetzt. Breiter, offen stehender Mund, rundes Mondgesicht, ausdrucksschwacher Blick. Down-Syndrom. Ein Mongoloid, denke ich. Nein, das darf man heute nicht mehr sagen, ermahne ich mich. Zu einem Schwarzen darf man ja auch nicht mehr Neger sagen, und eine Nervenheilklinik nennt man nicht mehr Irrenhaus.
Ich nehme mir Müslipackungen aus dem Regal, lese zum Schein die Aufschriften und sehe immer wieder verstohlen zu der jungen Mutter neben mir, bis sie den Kopf hebt, kurz auf das Regal blickt und mich direkt ansieht. Das Lächeln, das ihrem Sohn galt, verschwindet aus ihrem Gesicht, ihr Mund schließt sich, sie wendet sich ab. Mein Atem setzt aus. Die dunklen Augen. Die feinen Gesichtszüge. Der schief gewachsene Schneidezahn! Britta! In zwanzig Jahren habe ich sie nie ganz vergessen. Meist waren es die stillen Momente, als sich das Bild dieses zerbrechlichen Mädchens in meinen Kopf schlich. Ich werde nervös, möchte sie ansprechen, - Britta, wie geht’s dir so? - aber ich flüchte um die Ecke und klammere mich hinter meinen Einkaufswagen.

Zwei Reihen hinter mir saß sie. Sie war die Kleinste in unserer Klasse. Ihr hellgrünes Kleid, der braune Schulranzen, alles schien zu groß für sie, sie verlor sich in den Kleidern, verlor sich in diesem ausladenden Raum. Das einzige, das unserem Klassenzimmer etwas Wärme gab, waren die Büsche und Bäumchen draußen vor den Fenstern, doch da war das Glas dazwischen, und man konnte sie nicht riechen. Man roch nur die alten Bücher und das Bohnerwachs, und vor der Pause die Brote, wenn die Schüler ihre Plastikdosen aufmachten. Die Wände hatten über die Jahre einen graublauen Stich bekommen, und der Boden war aus grauem Linoleum, mit schwarzen Adern durchzogen. Hinter grünen Tischplatten saßen unbarmherzige Vorpubertäre, die ihre Probleme mit sich selbst auf verschiedene Arten zu lösen versuchten. Und mittendrin versteckte sich Britta in ihrem Kleid.
Es war in meinem fünften Schuljahr. Britta war erst seit einem halben Jahr in unserer Klasse. Sie kam zu uns als Scheidungskind; als Kind, das von einer Stadt in die andere zieht; als Schlüsselkind am Wochenende und als Heimkind an allen anderen Tagen. Wenn die ganze Klasse über irgendeinen Blödsinn lachte, drehte ich mich um und hoffte, sie lacht auch, und manchmal tat sie es sogar. Das waren Momente, in denen ich kurz davor war, ihr etwas Nettes zu sagen. Ich bewunderte ihre Zähne. Einer war schief, was mir besonders gut gefiel, aber das behielt ich streng für mich. Überhaupt behielt ich es für mich, dass ich sie hübsch fand. Vor den anderen missachtete ich sie, denn wer Britta nicht missachtete, machte sich zum Außenseiter.
In den Pausen, wenn wir auf den Schulhof rannten, die Buben sich zum Kartenspielen oder Fußball zusammentaten und die Mädchen zum Gummihüpfen, setzte sich Britta still auf einen schwarzen Heizkörper im Flur. Zwei, drei Rippen genügten ihr. Dabei knabberte sie meistens an einem Apfel oder einer Birne, und ich konnte von draußen durch den verglasten Flur ihren Rücken sehen. Kerzengerade saß sie da wie eine Schaufensterpuppe und aß ihr Obst. Ich hätte gerne gewusst, wo hin sie sieht, ob sie etwas im Busch beobachtete oder ihr Obst, oder ob ihr Geist in eine bessere Welt gleitet, doch ich habe es nie erfahren. Nicht einmal den Mut brachte ich auf, mich neben sie zu setzen, weil ich Angst hatte, mich unbeliebt zu machen. Unbeliebt bei den wichtigen Leuten. Leuten wie Tom.
Tom war der Sohn des Metzgers. Wen er nicht mochte, den kickte er beiseite. In meiner Erinnerung trägt Tom ein gelbes Sweatshirt, auf dem einen in roter Schrift das Wort „Frucade“ warnt, jetzt kommt er gleich vorbei, mein Träger, mach schon mal den Weg frei, und man tat es selbstredend, denn vor Tom hatte man Respekt. Wer sein Freund war, fühlte sich stark und selbstbewusst, und dessen Ansehen in der Klasse steigerte sich, so lange er bei Tom was galt. Auch wenn ich diesen Status nicht erreichte, war ich froh, bei ihm geduldet zu sein, stolz wenn er mich beim Fußball in sein Team wählte und glücklich wenn er mich lobte.
Britta versuchte so gut wie möglich, Tom aus dem Weg zu gehen, denn wenn sie ihm begegnete, schrie er vor der versammelten Menge los, Leute, schaut her, die Dummliese ist da. Dummliese! Dummliese! , und alle lachten. Auch ich lachte, biederte mich an bei Tom wie ein Straßenköter, und nur an mutigeren Tagen blieb ich unbeteiligt in der Ecke stehen.
Du bist so blöd wie ein Kuhfladen, hatte er einmal zu Britta gesagt, die einfachsten Fragen sind zu hoch für dich. Damit meinte er die Fragen der Lehrerin an Britta, weil sie nie eine Antwort gab, nie eine Antwort geben konnte, einfach nichts herausbrachte, wenn fünfundzwanzig feindselige Mitschüler ungeduldig auf einen Fehler warteten, wie ein Boxer auf die Zehn, wenn der Ringrichter den Gegner auszählt.
Richtig verletzend müssen Toms Sprüche über Brittas Mutter gewesen sein. Britta wohnte im Kinderheim, und als die Kinder am Anfang nach ihrer Mutter fragten, gab sie offen darüber Auskunft. Brittas Mutter arbeitete in München in einem Bekleidungsgeschäft und gehörte wohl zu jenen Frauen, die wegen eines Unfalls namens Kind nicht ihre Jugend gegen eine Erziehungsaufgabe eintauschen wollen. Jedenfalls blieb sie die meiste Zeit in der Weltstadt mit Herz, und ihre Tochter holte sie nur jedes zweite Wochenende zu sich. Tom nannte Britta statt Dummliese oft Kinderheimlerin.
„Und deine Mutter ist ne Nutte, drum bist du im Heim!“, sagte Tom, und andere nannten sie einen Nuttenbalg.
Ich beschützte sie nur in meinen Gedanken. Stumm sah ich zu, als sie eines Morgens durch die Dummheit von Markus als Diebin verschimpft wurde. Markus war ein gutmütiger Trottel mit Hornbrille, und seit einem Tag vermisste er seinen Geldbeutel. Er weinte wie ein kleines Kind, erzählte es mit gebrochener Stimme der Lehrerin, und Manu aus der letzten Reihe kannte sofort die Schuldige.
„Die Britta ist gestern als Letzte aus dem Klassenzimmer. Wir Mädels sind vor ihr raus.“
Britta war natürlich keines von besagten Mädels, denn die Mädels nannten sich Black Angels, und Manu war ihre Anführerin. Was Tom bei den Jungs war, das war Manu bei den Mädchen. Sie setzte Trends. Manu war die Erste in der Klasse, die neonfarbene Schnürsenkel an den Adidas Trophy-Boots hatte. Links gelb und rechts rot. Ich hasste sie. Ich hasste, wie sich ihr Gesicht zu einer ausgedrückten Zitrone zusammenzog, wenn ihr etwas nicht passte, ich hasste ihre große Klappe, mit der sie ihre Dummheit übertünchte, und ich hätte sie am liebsten bespuckt, wenn sie Britta eine blöde Strebersau nannte. Aber wenn Manu schrie, Britta, reiß bloß dein verblödetes Maul nicht auf, dann grinste ich Manu an.
Mit ihrer Verdächtigung erntete sie sofort beifällige Kommentare von den Mitschülern. Und nicht nur die Schüler konnte Manu überzeugen. Unsere Lehrerin hieß Frau Gabriel. Sie war eine fünfzigjährige, verbitterte Jungfer mit roten Haaren, dünnen Lippen und einer faltigen Haut. Frau Gabriel stieg voll in die Fahndung der Black-Angels-Führerin ein.
„Britta. Wenn du wirklich den Geldbeutel genommen hast, kannst du es uns jetzt sagen. Deine Ehrlichkeit soll nicht bestraft werden“, und beinahe feierlich, als wolle sie die Sache damit abschließen, fragte sie das Mädchen ultimativ, „Britta, jetzt noch einmal: Hast du den Geldbeutel mitgenommen? Jetzt ist der Zeitpunkt, es uns zu sagen.“
„Nein Frau Gabriel, ich habe wirklich keinen Geldbeutel eingesteckt“, antwortete Britta mit heller, abgebrochener Stimme.
Enttäuscht setzte Frau Gabriel den Unterricht fort und ließ Britta hinterher mit den Anfeindungen von fünfundzwanzig Elfjährigen alleine.
Als sie am nächsten Tag auf ihrem warmen Heizkörper saß, blieben kleine Gruppen von Mitschülern vor ihr stehen wie vor einer Mülltonne und brüllten ihr ins Gesicht. Diebin, Lügnerin, asoziale Schlampe, gib das Geld zurück. Ich schlurfte an ihr vorbei, als würde sie nicht existieren.
Am nächsten Morgen verkündete der schusselige Markus voller Freude, er habe seinen Geldbeutel in einem Nebenfach des Schulranzens gefunden, und die Welt war für Frau Gabriel und die Klasse wieder in Ordnung. Ein Wort der Entschuldigung hörte Britta weder von Frau Gabriel, noch von einem Mitschüler. Dafür konnte sie wieder in Frieden auf ihrem warmen Heizkörper sitzen.
Die Menschlichkeit war später einmal in Frau Gabriels Unterricht ein großes Thema. Sie führte uns einen Film vor, in dem man abgemagerte Juden in einem KZ sehen konnte, die in der nächsten Szene als nackte Leichen auf Lastwägen gestapelt wurden. Die üblichen Albernheiten hörten für eine Stunde auf. Es wurde stiller in der Klasse. Nach dem Film hielt Frau Gabriel uns noch einen moralischen Vortrag.
„Das, was damals in Auschwitz passiert ist, kann sich jederzeit wiederholen“, ermahnte sie uns mit nach unten gerichteten Mundwinkeln. „Wir müssen uns ständig prüfen, ob wir Menschen mit anderer Hautfarbe oder Behinderte behandeln wie Unseresgleichen. Das, was ihr da gesehen habt, ist noch nicht einmal vierzig Jahre her. Wir Deutschen dürfen diese Dinge nie vergessen.“
In das stille Klassenzimmer drang Manus selbstgerechte Stimme. „Diese Arschlöcher! Die gehören alle erschossen! Nazischweine!“
Ich drehte mich zu ihr um und sah Hass in ihren Augen. Hass gegen Unbekannt, denn Manu interessierte sich weder für das Dritte Reich, noch für Menschenrechte, aber das Anprangern dieser Naziverbrecher war ein gutes Ventil für ihren Weltengroll.
Frau Gabriel sprach weiter. „Keine Sorge. Die Anführer, die nicht Selbstmord begangen haben oder flüchten konnten, sind beim Nürnberger Prozess vor einem ordentlichen Gericht angemessen verurteilt worden. Wie ihr wisst, hat sich Hitler selbst …“ dann unterbrach sie sich selbst und sprach zu Britta, die teilnahmslos aus dem Fenster sah. „Nun, Britta. Dieses Thema interessiert dich wohl nicht. Wir müssen uns nicht wundern, wenn so viele Menschen behaupten, sie hätten damals von all den Verbrechen nichts gewusst. Verantwortung übernehmen für das, was um uns geschieht, Britta, nicht Ignoranz, darauf kommt es an.“
Für diese heuchlerische Predigt hätte ich am liebsten Frau Gabriels ausgetrocknetes Gesicht zerknüllt und in den Papierkorb gekickt. Ihre Mission zur Bekehrung der Jugend schien für sie vollzogen, und die Früchte davon hingen an den Lippen meiner Mitschüler. Natürlich fing Manu damit an, doch fast die ganze Klasse stimmte in den Chor ein.
„Nazisau! Nazisau! Nazisau!“ schrieen sie los, sobald Britta auftauchte. Diese Erniedrigung musste sie zwei Wochen lang durchstehen, bis das Thema Nazis und Juden und Hitler langsam wieder in der Versenkung verschwand.

Mit den Monaten wurde Britta immer stiller. Ihren schiefen Zahn bekam ich nicht mehr zu sehen, denn das Lachen hatte sie verlernt. Ihr einziger Freund war der warme Heizkörper. Ich wollte mich ihr nähern, aber mir fehlte die Courage, und die beste Gelegenheit ließ ich kläglich verstreichen.
Es war nach der Turnstunde. Da ich mein Duschzeug vergessen hatte, kam ich als erster aus der Umkleide. Für die Mädchen war das Turnen ausgefallen, und als ich durch den verglasten Flur zu unserem Klassenzimmer ging, saß Britta auf ihrem Heizkörper. Wir waren alleine. Sie kramte in ihrer Schultasche, und ich verlangsamte meinen Gang, wollte etwas sagen, wusste aber nicht was.
Als sie mich sah, legte sie die Tasche beiseite und sprach mich an. „Frank?“, begann sie leise und vorsichtig.
Ich nickte.
„Magst du eine Birne?“
„Nein danke“, antwortete ich nüchtern und trottete in das leere Klassenzimmer.
Tagelang dachte ich nach über die verpasste Chance, nahm mir vor, sie etwas zu fragen. Wollen wir zusammen Hausaufgaben machen? Ja, das müsste ich mich trauen, dachte ich mir.
Ich blieb feige.
Den Gipfel der Feigheit erklomm ich an jenem Tag im März. Es war der Tag, an dem ich Britta zum letzten Mal sah.
Der Unterricht war zu Ende, und ich war der Letzte im Klassenzimmer. Zwei Minuten zuvor war Britta gegangen, und kurz vor ihr waren Tom und seine beiden Kumpels in den Flur hinaus. Sie mussten dort auf sie gewartet haben. Als ich aus dem Klassenzimmer kam und an dem verkratzten Eisengriff der Glastür ziehen wollte, hörte ich Toms Stimme aus der Toilette.
„Hey! Runter damit, zieh es aus! Komm du Schlampe!“, rief er, begleitet von dem dümmlichen Gelächter der beiden anderen Jungen. Durch die Knabenstimmen drang leise Brittas Gewimmer. Nein, nein, nein, schluchzte sie. Ich muss ihr helfen, dachte ich, aber ich marschierte schnell zum Ausgang, meinen gewohnten Heimweg entlang. Den Hausmeister müsste ich verständigen, dachte ich. Dachte ich. Und dann war ich zu Hause und hoffte, dass in der Schultoilette nichts Schlimmes passiert war.
Am nächsten Morgen war Britta nicht da. Sie ist erkrankt, sagte Frau Gabriel, und die Woche darauf erwähnte sie beiläufig, Britta habe die Schule gewechselt. Keinen schien es zu interessieren, und sicher hatten die meisten das dunkelhaarige Mädchen in dem viel zu großen Kleid nach wenigen Wochen vergessen.
Mir ging sie nie wieder aus dem Kopf.

Ich schiebe meinen halbvollen Einkaufswagen zur Kasse. Bezahle. Warte. Diesmal werde ich sie ansprechen, ohne die Hemmungen, die ich als Kind noch hatte. Eine Freundschaft mit ihr könnte ich mir gut vorstellen. Eigentlich könnte ich mir alles mit ihr vorstellen. Ich beobachte, wie sie ihren Sohn die Einkäufe auf das Fließband legen lässt, ohne ihn zu drängen, und wie sie die Kassiererin dabei anlächelt mit ihrem schiefen Zahn, und ich weiß jetzt, dass aus dem Mädchen, in das ich als Junge so verknallt war, eine tolle Frau geworden ist.
„Entschuldigung“, sage ich, als sie mit dem Einkaufswagen an mir vorbeischiebt. „Wir kennen uns.“
Sie mustert mich.
„Kann sein.“
„Frank Mantler. Wir sind ein Jahr lang in dieselbe Klasse gegangen. In die Fünfte. Britta, richtig?“
„Stimmt. Ich kann mich dunkel erinnern.“
„Du siehst toll aus. Wie geht es dir?“
„Gut, danke. Ich habe als Krankenschwester gearbeitet, bis vor zwei Jahren der Kleine zur Welt kam.“
Sie streichelt über den Kopf ihres Sohnes, der rhythmisch in seinem Sitz herumwetzt.
„Wenn du Lust hast, könnten wir uns mal zu einer Tasse Kaffee treffen.“
„Tut mir Leid“, sagt Britta, „aber ich hänge nicht sehr an der Vergangenheit. Ich wünsche dir alles Gute, Frank“.
So stehe ich noch eine Weile da und starre auf die Scheibe, in der ich mich mit meinem Einkaufswagen spiegele, während sie den ihren samt Kind zum Parkplatz schiebt.

Mein Audi rauscht durch die beleuchteten Straßen der Stadt. Auf dem Beifahrersitz liegt die Einkaufstasche, und ich taste mit der Hand nach der Birne, die ich im Supermarkt gekauft habe. Als ich sie finde, halte ich sie unentschlossen in meiner Hand. Eigentlich habe ich gar keinen Hunger. Ich denke an Britta heute, an Britta damals, an den Jungen, der ich war, der genau gewusst hätte, was recht und unrecht ist, aber den Charakter eines Herdenschafes hatte. Ich möchte den Jungen zum Teufel jagen.
Und ich frage mich, ob mein Charakter heute besser ist, oder ob sich nur andere Herausforderungen stellen als damals. Andere Gelegenheiten, die ich genauso verpasse, ohne es zu merken.
Fest entschlossen beiße ich in die Birne. Morgen wäre sie vielleicht verfault.

© Stefan Frieser